1998 San Diego USA - Bogotà Kolumbien
Laz Paz (Mexico) 23.2.1998
Wir sind tatsächlich in La Paz, der Hauptstadt von Baja California Sur. Eigentlich haben wir ja Ferien und viel, viel Zeit. Aber nein, wir sind voll im Stress. Unsere Fähre nach Mazatlan läuft um 15 Uhr aus.
Wir haben 1400 km in den Beinen. Es war ein hartes Stück Arbeit. Im Norden wurden wir fast vom Regen weggespült und von Sandstürmen verblasen. Die Wüste war nicht wie Wüste - alles war grün und Blumen blühten. Zum Teil waren Strassenabschnitte überschwemmt. Doch wir hatten noch viel Glück, haben wir doch San Diego und insbesondere Tijuana zum rechten Zeitpunkt verlassen. Es soll in Tijuana 400 Tote gegeben haben, weil denen während der Nacht die Hütten weggerissen wurden.
Kurz (200km) vor Guerrero Negro hat uns ein Truckdriver aus einem Sch...Wetter gerettet und uns mit unseren Bikes sowie unsere Ausrüstung (2 Pullis liegengelassen, 1 Etui sonstwie verloren) mit nach Guerrero genommen. War echt cool, die nassen und durchfrorenen Biker aus der warmen Führerkabine zu bestaunen. Ja, es hatte einige Touren-Travellers auf der Strecke. Sogar ein Tandem mit Hund hintendrauf soll unterwegs sein, hatten wir von vielen gehört. Leider trifft man einander selten, da alle gen Süden fahren.
In Guerrero waren wir beim Grey Whale Watching mit dem amerikanischen Altersheim. Alles cool and so pretty. Es war trotzdem total eindrücklich. Wir hatten zittrige Knie und feuchte Hände. Diese Tiere sind immens gross, und wenn die da unter deinem kleinen Boot ausharren und du nur noch Wal siehst, und die Amimutter dauernd schreit „oh my baby c'mon closer, baby“....
Seit Guerrero hatten wir nur noch Sonnenschein. Zudem wehte oft Rückenwind, so dass wir zum Teil Monsteretappen fuhren - 150km und so. Es gab halt manchmal einfach 100km weit nichts und Käffer auf unserer Karte existierten nicht. Wir haben dann wild in der Wüste gecampt, wo sich Skorpion und Kaktus gute Nacht sagen. Die super Sonnenauf- und -untergänge waren tolle Erlebnisse, wie auch die sternenklaren Nächte. In Constitución trafen wir noch zwei deutsche Radler - seit 1.5 Jahren unterwegs ab Feuerland, 26’000km. Sie versorgten uns mit wertvollen Tipps, und wir haben deshalb unsere Pläne, der Küste nach zu fahren, über den Haufen geschmissen und planten zuerst ein Höhentrainingslager rund um Durango.
So, wir müssen packen und zum Hafen fahren. 17h Schifffahrt erwarten uns. Wir freuen uns auf die Abwechslung.
Zacatecas (Mexico) 13.3.1998
Wir leben noch - aber unsere Batterien sind leer. Diese füllen wir wieder auf hier in Zacatecas.
Wir hatten einen Heisshunger als wir im Fährhafen von La Paz darauf warteten, unsere Velos neben all den Trucks und Autos im Bauch der Fähre zu verstauen. Eine Fastfood-Bude war der einzige Ort, um auf die Schnelle etwas zwischen die Zähne zu bekommen. Als wir da so rumstehen und auf unsere Käsetoasts warten, bemerken wir, wie die Fastfood-Mutter an den Zutaten für unsere Toasts herumschnüffelt. Doch der Hunger war stärker als die Vernunft. Dass dies ein grosser Fehler war, bemerkten wir sofort, als die ersten Magenkrämpfe auftraten, kaum hatte die Fähre abgelegt.
Durchfall, Magenkrämpfe und Kopfweh hielten uns dann auch eine Woche in Mazatlan fest. Da uns der Bazillus nicht vollständig flachlegte, hatten wir viel Zeit für ausgedehnte Besuche im Internet-Café, für Spaziergänge in Downtown sowie in der zona dorada (Goldküste), wo sich all die Riesenhotelkomplexe mit all den amerikanischen und kanadischen Touris befinden. Alles war 3-mal so teuer wie in der Altstadt und man wurde überall auf Englisch angequatscht. Doch der Strand war super, das Wasser warm und die Wellen hoch.
Wieder bei Kräften starteten wir nach Durango. Für diese 320km benötigten wir 5 Tage. Die Strasse führte uns von Meereshöhe bis auf 2600m. Wir durchquerten die Sierra Madre Occidental und genossen die riesigen Wälder und die Berglandschaft sowie die angenehmen Temperaturen zum Biken. Nach der doch so ungewohnten und beklemmenden Weite der Wüste in der Baja erfreuten wir uns am satten Grün der üppigen Vegetation. Während unseren schweisstreibenden Tagesetappen von bis zu 8 Std. wurden wir immer wieder durch tolle Ausblicke belohnt und von den diversen Truckfahrern durch Winken und Hupen angefeuert.
In La Ciudad einem Holzfällerkaff, übernachteten wir im einzigen Hotel, das weder fliessend Wasser noch Licht hatte. Wir wuschen uns mit Wasser aus einem eisigen Brunnen und ohne unsere Schlafsäcke hätten wir diese Nacht wohl nicht überlebt. Am Morgen war alles gefroren und wir rüsteten uns mit Stulpen, Windjacke und Hot Ears für die Weiterfahrt.
Die Landschaft änderte sich nun wieder blitzartig und in Durango angekommen, fühlten wir uns im Wilden Westen. Dort besuchten wir dann ehemalige Drehorte für Westernfilme. Es gab dort ganze Westernstädtchen mit Bank, Saloon und Barbershop. Mit unseren unbeladenen und ohne Gepäck kaum mehr fahrbaren Velos (viel zu nervös) fuhren wir dann in den Canyon de los Delgados. Ein schmales Staubsträsschen führte in ein Tal, und wir konnten die uns in eine Falle lockenden Indianer förmlich spüren und sahen praktisch die Siedler in ihren Planwagen an uns vorbeiziehen. Auf dem Rückweg sahen wir noch bei einem Mountainbike-Rennen zu, das in einem Rundkurs durch eines dieser Filmstädtchen führte. Die Zuschauer waren jedoch lasch, die Fahrer wurden kaum angefeuert und nach einem Plattfuss gab man auf. Es war auf jeden Fall schön, mal wieder mit Velo-Freaks zu quatschen.
Auf unserer Weiterfahrt nach Zacatecas hatten wir uns dann übernommen. Da wir die topographischen Schwierigkeiten völlig unterschätzten, planten wir viel zu lange Etappen. 1. Tag 130km, 2. Tag 106km und als uns dann auf unserer letzten, vermeintlich leichten Ausfahretappe von 60km nach Zacatecas der Gegenwind voll erwischte, wurden Körper und Psyche arg strapaziert. Bei leicht abfallender Strasse, in Staffelformation wegen des krassen Seiten-Gegenwindes, auf dem Pannenstreifen der Autobahn mit 11kmh voll am Treten mit Puls 170. Wir mussten uns nun topographische Karten beschaffen, was allerdings ein schwieriges Unterfangen wurde.
Wir haben Mexico und seine Leute gern. Nur mit dem Essen..... Wir essen immer dasselbe. Die Auswahl an Vegifood ist enorm gering. So werden selbstgekochte Spaghetti zur Delikatesse. Silvia träumt von echten Schoggieili und Osterhasen. Nächstens fahren wir weiter nach Aguascalientes, wo wir, wie der Name schon sagt, unsere müden Muskeln in heissen Quellen baden werden. Nun noch ein kleines Gedicht von Silvia. Hasta luego.
Es waren mal zwei Velo-Fritzen,
die wollten schnell durch Mexico flitzen.
Doch bald schon mussten sie es merken,
es gibt so vieles zu entdecken.
In der Baja gab es wilde Strände
und an beiden Ohren Sonnenbrände.
In der Wüste, zwischen den Kakteen
gab es sehr viel Sand zu sehn.
Und von Mazatlan nach Durango, stöhn,
da gings dann ab, rauf in die Höhn.
Wie schön ist doch die Aussicht hier
Gegen den Wind kämpft man wie ein Stier.
Und es kommen noch so viele Orte,
da finden wir erst später Worte.
Taxco (Mexico) 17.4.1998
Es ist schon ein Weilchen her, seit unserem letzten Bericht. Da wir in der "Pampa“ herumgefahren sind, gab es halt keine Internetanschlüsse.
Nach Zacatecas fuhren wir in zwei Tagen nach Aguascalientes. Auch da liess uns der Gegenwind nicht in Ruhe, doch wir fanden heraus, dass es frühmorgens meist nicht oder viel weniger Wind hat und dass es erst gegen Mittag richtig fies und gemein wird. Dies bedeutete, beim ersten Tageslicht abfahren. Sowieso ist es dann am Schönsten auf dem Velo. Es ist kühl, und man sieht, wie die Natur und die Menschen erwachen.
In Aguascalientes freuten wir uns auf die bekannten heissen Quellen, wurden aber enttäuscht. Es gab keine Baños Públicos mehr, die teureren Baños Privados mieteten wir dann für eine Stunde. Eine halbe Stunde brauchte es jedoch schon, um das Bassin zu füllen, und angenehm warm war das Wasser auch nicht. Zudem bekam Michi seinen zweiten Giardia-Schub, den er an den ach so fein stinkenden Görpsen erkannte. Also futterte er brav Flagyl, und wir warteten, bis er wieder fit war. Das war nun schon das 2. Mal, dass wir für eine ganze Woche steckenblieben.
Weiter auf der Route nach Guanajuato, um León, waren die Strassen so schmal und der Verkehr so rücksichtslos, dass wir nach einigen Hechtsprüngen in den Strassengraben um unsere Leben bangten und per Anhalter das schlimmste Stück mitfuhren...... doch auch im Laster löste sich unsere Verkrampfung nicht, der Chauffeur hatte einen haarsträubenden Fahrstil. Völlig K.O. kamen wir in Guanajuato an.
Diese Stadt ist unser bisheriger Favorit, obwohl auch dort der Verkehr, der Lärm und der Gestank fast unerträglich sind. In der Stadt geht es fast nur rauf und runter, die Häuser sind Wand an Wand in ein enges Tal gebaut, und es gibt Strassen, die ein komplettes unterirdisches Netz bilden. Auch da sind wir für eine Woche festgesessen, weil nun auch noch Silvia ihre Giardia killen musste. Zum Schluss bereuten wir es aber nicht, in Guanajuato festzusitzen, weil wir Lineke und Sebastian, zwei Holländer, trafen. Die zwei sind seit 1994!!!! mit ihren Fahrrädern unterwegs. Asien, Afrika, Süd- und Zentralamerika. Die beiden (und wir natürlich auch) hatten riesig Freude, und wir quatschten Tag und Nacht. Die beiden überhäuften uns mit Tipps, Adressen und Infos.
Aufgrund dieser Bekanntschaft versuchten wir uns nun einen neuen Fahrstil anzueignen, der uns vor allem auf schmalen Strässchen mit viel (Bus-) Verkehr besser schützt. Zudem haben wir uns Rückspiegel angeschafft, die nach einigen Modifikationen wirklich toll funktionieren. Ausserdem haben wir uns entschlossen, uns von Regen und sonstigen Widerwertigkeiten nicht stressen zu lassen. Wir sind schliesslich nicht hier, um ein Rennen auszutragen. Wir wollen uns in Zukunft nicht mehr mit zu grossen Tagesetappen fertig machen. Wir geniessen nun erstmal Mexico richtig und falls es halt dann irgendwo knapp wird mit der Zeit, lassen wir halt ein Land aus. So wie es jetzt ausschaut, wollen wir von Costa Rica nach Bolivien fliegen, um dort während der Trockenzeit (Winter) das Altiplano zu befahren, und auch in Peru (Huaraz) die richtigen Wetterverhältnisse für ausgiebiges Trekken vorzufinden.
Nach Guanajuato führte uns unsere Route nach Dolores Hidalgo, San Miguel de Allende, Celaya, Zinapecuaro, Zitacuaro, Valle de Bravo, Temescaltepec und dann zum ersten Mal auch auf einer Schotterpiste nach Chiltepec und Ixtapan de la sal. Dort verbrachten wir das Osterwochenende bei einer mexikanischen Familie mit 3 Kindern, um dem extremen Verkehrsaufkommen während der semana santa zu entgehen. Die Zeit in Ixtapan war toll, und Silvia kam so richtig zum Spanisch quatschen. Die Thermalbäder waren dort auch wirklich heiss, und wir wurden von Mutter Carmen mit mexikanischen Spezialitäten verwöhnt.
Nun sind wir in Taxco, einem weiteren herzigen Kolonialstädtchen, das sich voll und ganz dem Silberschmuck verschrieben hat.
Schon morgen reisen wir weiter Richtung Oaxaca.
Oaxaca (Mexico) 24.4.1998
3’700km
Oaxaca unser lang ersehntes Ziel ist erreicht. Am Stadtrand drehten wir uns um, weil wir irgendwas Verdächtiges in unseren Rückspiegeln ausgemacht hatten. Wir konnten es kaum fassen. Da kamen doch tatsächlich zwei Tourenfredis im Trek-Outfit von hinten herangeprescht. 2 Brasilianer voll ausgestattet mit Specialized M2 Metalmatrix Mountis voll XTR/XT, BOB-Yak Anhänger, Camelback, Oakley-Brillen und Shimano SPD Sandalen. Total abgefahren!
Leo und Kiko sind einen Monat nach uns in San Francisco abgefahren und haben während dieser Zeit bereits 4'400 km abgestrampelt. Etappen von bis zu 220 km seien normal. Sie wirkten auf uns aber ziemlich ausgepowert und können es nicht mehr geniessen. Sie wollen nur noch raus aus Mexico und wählen deshalb die direktesten aber auch langweiligsten Routen. Wir machen noch ein Foto zusammen, das sie dann einscannen lassen.
Unser letzter Bericht war etwas flüchtig und wir haben einiges vergessen zu erwähnen, - deshalb: Kurz nach Guanajuato wurde Silvia in einer Kurve von einem Bus umgefahren. Der Fahrer würgte sich durch die Kurve und hängte bei Silvias Hinterradtasche ein und schob sie so in den Strassengraben. Zum Glück ohne Schaden an Mensch und Maschine. Manchmal könnte man diese Busfahrer würgen. Alle andern fahren wirklich rücksichtsvoll, doch den Busfritzen kommt's auf jede Sekunde an. Wir weichen deshalb, wenn immer möglich, auf Nebenstrassen aus, was super ist. Viel weniger Verkehr, viel näher an der Bevölkerung und viel mehr spontane Erlebnisse in der Natur. Nicht immer nur überfahrene Hunde, Katzen, Kühe, Pferde, Schlangen, Vögel, Stinktiere usw. Die Kadaver werden übrigens nicht entfernt und deshalb kann man verweste Tiere in allen Stadien von der Totenstarre bis zur vollständigen Verwesung mit all ihren verschiedenen Gerüchen studieren.
Apropos Gerüche: Nach Valle de Bravo glaubten wir, auf der Abfahrt nach Temascllsjflklkjdfi zuerst ein bisschen Dunst auszumachen. Als die Sicht dann auf unter 10 Meter sank und die Luft kaum mehr zum Atmen war, realisierten wir, dass es sich um Wald- oder Buschbrände handeln musste. Zum Glück hatten wir an diesem ersten, schlimmsten Tag eine Steigung auf ca. 2’400 Meter zu bewältigen, so dass wir dem Gestank ein wenig entkamen. Für die Leute schien das völlig normal zu sein. Unglaublich. Niemand konnte uns sagen, wo was brannte.
Leider war die Strasse derart übel und die Vibrationen so stark, dass Michis Low-Rider-Öse wegbrach, und wir völlig entnervt einen Schweisser brauchten. Doch irgendwie funktioniert es immer und der Schweisser kam dann doch noch zum Kirchenbesuch.
Wir waren nun wieder völlig gesund, hatten wir doch den Giradias mit Flagyl den Garaus gemacht. Deshalb hatten wir wieder Power und zogen von Taxco voll durch. In 7 Tagen 510 km auf und ab und auf und ab. Die Landschaft hat sich eher wieder zum Trockenen verändert nach dem satten Grün um Valle de Bravo und vorher. Doch dank der Höhe war es nicht allzu brutal heiss, und die Moskitos hielten sich auch woanders auf.
Nun schauen wir uns dann die erste archäologische Stadt an: Monte Alban, 10 km von Oaxaca und dann gehts weiter Richtung Chiapas.
San Cristobal (Mexico) 8.5.1998
4‘350km
Nach Oaxaca ging es wieder bergab. Wir verliessen die Höhen des mexikanischen Hochlandes und tauschten Berge und angenehme Temperaturen gegen Hitze, Moskitos und viel Schweiss. Wir tranken wohl so viel wie nie zuvor. Die Strasse führte uns durch trockene, steppenähnliche Gebiete mit wenig Grün aber viel Wind. In der Ebene angekommen, bei Tehuantepec, auf 30 Meter über Meer, glaubten wir uns diesem Klima nicht gewachsen. Es kühlte auch während der Nacht kaum ab und man konnte unter dem absolut notwendigen Moskitonetz kaum schlafen. Dafür fielen uns während der Nacht die Mangos aufs Hoteldach. Bis Tuxtla Gutierrez blieb das Klima unverändert, aber wir sahen endlich wieder üppig grüne Vegetation. Das war ein Lichtblick nach monatelanger Steppenlandschaft.
Tuxtla ist keine Schönheit, so dass wir nach einem Besuch im wunderschönen Zoo die Flucht nach San Cristobal antraten. Unsere bisherige Königsetappe führte uns 84 km ca. 2’100 Höhenmeter auf 2’112 Meter über Meer. Wir freuten uns riesig auf angenehme Temperaturen, Wald und die Berge. Doch schon im Aufstieg schwante uns Böses, als wir all die Campesinos mit den Benzinkanistern sahen und an diversen Buschfeuern vorbeifuhren, die uns kaum atmen liessen während dem Aufstieg.
Und so war es denn auch keine Überraschung, als die Sicht um San Cristobal gleich 0 war und die Luft kaum zum Atmen. Augenbrennen und Schluckweh waren die Folgen. Das sei jedes Jahr so und für alle hier normal. Keiner wehrt sich. Wir konnten es uns nicht vorstellen, unter diesen Umständen länger zu verweilen, da sowohl Spaziergänge wie auch MTB-Touren keinen Spass machten. Die Stadt ist wunderschön, für mexikanische Verhältnisse ruhig und die Umgebung wäre sicher auch sehenswert. Wir denken, man sollte Mexiko wohl besser während der Regenzeit besuchen.
Die Zeit hier in Mexiko neigt sich dem Ende entgegen. Wir werden noch die Wasserfälle von Agua Azul sowie die Tempelanlage der Mayas in Palenque besuchen und dann nach Guatemala weiterreisen, das nur noch ca. 200 km entfernt auf uns wartet.
Nun noch ein kleine Mexiko-Zusammenfassung:
Mexiko ist wohl das lauteste Land, das wir kennen. Die meisten Autos sind mit einer extralauten Auspuffanlage getuned, Fernseher laufen immer und überall in voller Lautstärke. Hotelnachbarn lassen ihre Autos um 5 Uhr morgens eine halbe Stunde warmlaufen und quatschen und lachen, und wir haben erlebt, dass in ein und demselben Raum zwei Radios mit verschiedenen Sendern einander zu übertönen versuchen.
Mexikaner kennen keinen Umweltschutz. Das Bewusstsein für diese Probleme gibt es nicht. Abfall wird überall einfach deponiert und zu den Autos rausgeworfen. Die Strassenränder gleichen Deponien. Leute leben vom Sammeln der weggeworfenen Alubüchsen oder leben auf Mülldeponien vom Suchen nach Wiederverwertbarem.
Mexikaner sind Pyromanen. Überall brennts, moderts und stinkts. Im Fernsehen haben wir vernommen, dass zurzeit in Mexiko ca. 220 Waldbrände wüten, die nicht unter Kontrolle zu bringen sind. Die Wasserspiegel der wenigen Lagunen sinken, weil sich die vermögenden Mexikaner aus dem DF (districto federal) ein Wochenend-häuschen gebaut haben und schamlos das Wasser verbrauchen.
Viel Freude bereitet ihnen auch das Abfeuern von Raketen. Diese produzieren aber weder Goldrausch noch Sternenregen, sondern krachen einfach sehr laut.
Zum Essen: kurz zusammengefasst, scharf muss es sein. Chili (Peperoncini) hat es in allen Speisen. Sogar Fruchtsalate, in denen es auch Gurken hat, werden mit Chili verfeinert. Chili gibt es getrocknet in Flocken, als Pulver, in Saucen rot und grün oder frisch in Scheibchen geschnitten. Neben ebendiesem Chili ist vor allem die Zitrone ein beliebtes Würzmittel.
Obwohl wir uns als Vegis mehrheitlich von Reis, Bohnen und Eiern mit Tortillas ernährt haben, mögen wir das mexikanische Essen sehr. Der Duft von frischen Mais- oder Mehltortillas aus einer der vielen Tortillerias lässt uns das Wasser im Mund zusammenlaufen. Diese Tortillas sind das Haupternährungsmittel vieler Mexikaner. 1Kilo Tortillas ist für um die 50 Rappen zu haben. (Ca. 40 Stück).
Velos gibt es in Mexiko unzählige. Meistens Marke Eigenbau Benotto mit doppeltem Oberrohr und 1 Gang Freilauf. Die Velos werden als Transportmittel für Mensch und Material vor allem in ländlichen Gegenden verwendet. Sie werden überwiegend auf Staub- und Dreckpfaden gefahren, die die meisten Strassen säumen. Die Leute getrauen sich kaum auf die richtigen Strassen, wohl aus Respekt vor den ach so vergötterten Autos. In einem Dörfchen hier in Chiapas haben wir sogar Velotaxis entdeckt. 18-Gänger vom Typ Flying Tiger ziehen riesige Anhänger mit Dach für 2 Personen.
Viele Mexikaner sind arme Teufel. Vor allem im Hotel-Business ist die 7-Tagewoche normal und die Bezahlung miserabel, so dass die Kinder bei den Grosseltern aufwachsen, da beide Elternteile arbeiten müssen, damit das Geld reicht. Der Verdienst eines Rezeptionisten beträgt um die 250 Pesos die Woche. Das sind umgerechnet 120 US Dollar im Monat. Deshalb ist die Familie für die Mexikaner überlebenswichtig, falls mal jemand ins Spital muss, falls eine Operation zwingend oder auch nur eine Zahnarztrechnung fällig wird. Dann greifen sich die verschiedenen Familienmitglieder unter die Arme. Altersvorsorge existiert nur für die privilegierte Schicht.
Wir könnten noch stundenlang erzählen, doch hier im Telmex-Office, wo das Internet gratis ist, bilden sich hinter uns lange Warteschlangen und der Lärmpegel steigt ständig.
Ruinen von Oaxaca
Kiko und Leo
Cascadas Aguas Azules
Palenque
Agave
Antigua (Guatemala) 20.5.1998
Wir befinden uns in Antigua. Das ist die ehemalige Hauptstadt von Guatemala. Wir haben kurz mal eben Gas gegeben und sind schon da. Nein, wir haben beschissen. Von San Cristobal haben wir uns in 2 Tagen durch dichten Rauch - keuch, hust - bis zur guatemaltekischen Grenze durchgeschlagen.
Unglaublich, in tieferen Lagen sah man die Sonne nur noch als orange Kugel durch den Rauch scheinen. Die Sichtweite betrug noch knapp 100 Meter. Wir haben mit Leuten gesprochen, die schon seit 3 Monaten unter diesen Umständen leben und leiden. Diese Leute waren auch überhaupt nicht informiert, was abging. Vom Vulkanausbruch bis zum politisch motivierten Abbrennen von Wäldern hörten wir wohl alle möglichen Begründungen.
Wir erkundigten uns deshalb nach dem Grenzübertritt bei den Busfahrern, wie die Lage in Guate und insbesondere im bevorstehenden Aufstieg nach Huehuetenango ist. Als wir erfuhren, dass die Lage in ganz Guatemala genau gleich schlecht war, setzten wir uns kurzentschlossen in einen Bus und liessen uns nach Antigua chauffieren. Doch ehrlich, wir fahren zehnmal lieber mit unseren Velos als uns diesen Busfahrern auszuliefern. Der Typ raste mit seinem uralten Schulbus aus Amerika die Berge hinauf, dass wir uns festklammern mussten und um unsere Velos bangten, die unbefestigt auf dem Dach mitfuhren bzw. mithüpften. Ohne Skrupel überholte er in schmalen, unübersichtlichen Kurven mit quietschenden Reifen. Wir konnten es kaum fassen. Die meisten unserer Mitstreiter im Bus dösten vor sich hin oder pennten bereits tief und fest. Auch unsere Intervention beim Fahrer mit «no queremos morir señor, por favor, maneje mas lento» brachte keine Veränderung....
Dazu mussten wir mit Sack und Pack zweimal umsteigen - ein Drama. Die Typen bestürmten uns, um uns Tickets für ihren Bus anzudrehen, schnappten sich gleich mal ein paar Velotaschen, und einer setzte sich gleich auf Silvias Velo und fuhr schon mal los zum Bus. Silvia packte Mann samt Velo am Gepäckträger und sagte «no no señor» und höselet hinterher. Überglücklich, aber Michi noch immer am Anschlag und ohne Nerven, weil beim Abladen der Taschen das Velo umkippte und der lebenswichtige Rückspiegel in die Brüche ging, erreichten wir nach 13-stündiger Fahrt Antigua.
Der nächste Tag wurde dafür zu einem Glückstag. Wir fuhren mit dem Bus nach Guatemala City, das etwa 30km entfernt lag. Dort besuchten wir die Schweizer Botschaft und durften unsere Post in Empfang nehmen. Die Freude war riesig, als Silvia die Schoggistängeli auspackte und sogar Michis Kreditkarte heil angekommen war. Als uns die Botschafterin mitteilte, dass auch Honduras und El Salvador von der Rauchkatastrophe betroffen waren und der Flughafen von Honduras für einige Tage geschlossen werden musste, gingen wir sofort ins nächste Reisebüro und kauften uns zwei Flugtickets nach Costa Rica.
Ja, so schnell waren alle unsere Pläne über den Haufen geworfen. Morgen Donnerstag, 21.5.98, sollten wir also in San Jose sein. Es tat uns weh, dass wir nun Guatemala, Honduras und auch Nicaragua nicht bereisen konnten. Aber es brachte eben wirklich nichts, die Schönheiten dieser Länder nur an den Postkartenständern zu bewundern, weil die Sicht gleich gewesen null wäre. Zudem hätten wir uns wohl unter diesen katastrophalen Umständen eine Rauchvergiftung geholt, wären wir doch jeden Tag mehrere Stunden im Qualm unterwegs gewesen.
So zum Abschluss noch Teil 2 der Mexiko-Zusammenfassung. Uns waren noch ein paar Dinge in den Sinn gekommen, die wir nicht vorenthalten möchten.
Der Alkohol ist in Mexiko ein grosses Problem. Es ist unglaublich, wie viele Männer tagtäglich sogar bei der Arbeit trinken, und vor allem sonntags kann man die Alkoholleichen überall herumliegen sehen. Die Leute trinken vor allem Mescal (ein tequilaähnliches Gebräu aus der Agavenart Magey), Pulque und Posh, ein Maisgeist. In jeder Ortschaft gibt es zahlreiche Anlaufstellen der A-A's (alcoholicos anonymos), wo die Süchtigen Hilfe angeboten bekommen. Eine andere Eigenheit der mexikanischen Männer ist das «gruusige Choddere». Man wird immer und überall von den «chodderspezifischen» Geräuschen und dem üblen Anblick von "Grünem" auf dem Boden konfrontiert. Eine üble Angewohnheit der mexikanischen Machos, doch weit verbreitet.
Was den Männern das Choddere ist den Frauen das Wischen. Teppiche, Gehsteige, Kiesböden oder Dreckparkplätze - sie werden mit dem Besen sauber gewischt oder wenigstens mit Wasser nass gemacht. Ob es was bringt oder nicht, gewischt ist gewischt.
Bis bald in Costa Rica.
San Jose de Heredia (Costa Rica) 19.6.1998
5‘542km
Die Zeit geht vorbei wie im Flug. Schon sind wieder drei Wochen um, und unser Aufenthalt in Costa Rica neigt sich dem Ende entgegen. Wenn wir uns vorstellen, dass wir normalerweise nur 4 Wochen Ferien haben im Jahr, wird uns schlecht.
Wir haben nun 5‘542 Kilometer zurückgelegt, davon 800 hier in Costa Rica. Ja, zuerst gefiel es uns gar nicht so hier. Wir hatten halt Mexiko liebgewonnen und verglichen zu viel. Doch unsere Einstellung änderte sich mit jedem Kilometer und der zunehmenden Distanz von San Jose, den vielen Leuten und dem starken Verkehr.
Zuerst machte uns das feucht-heisse Klima zu schaffen. Es regnet wirklich täglich, mal mehr, mal weniger. Doch man kann sich gut darauf einstellen, da es in gewissen Regionen nur morgens in anderen nur nachmittags regnet. Das hiess für uns jeweils um 3.30 Uhr morgens aufstehen, essen und packen, so dass wir um 5.00 Uhr mit dem ersten Licht lospedalen konnten, um, wenn immer möglich, mittags an unserem Bestimmungsort zu sein.
Weil zudem die Direktübertragungen der WM-Spiele morgens und mittags stattfanden, hatten wir unsere Tagespensen angepasst und nahmen es generell gemütlicher. Da spielte natürlich auch das Klima eine Rolle. Der Flüssigkeitsbedarf war enorm, und die Sonnencreme war nach kürzester Zeit herausgeschwitzt und liess die Augen brennen.
Von Heredia aus fuhren wir nach Cartago und dann um einen künstlichen See im Valle Orosi. Wir hatten schnell gemerkt, dass die Strassen hier einfach immer den kürzesten Weg nehmen. Serpentinen scheinen die hier nicht zu kennen. Die Strasse geht immer den kürzesten Weg volle Pulle gerade den Berg hoch. Wir vermuteten, dass sich die Ticos so einige Strassenkilometer und Geld sparen. Nach dieser kleinen Seeumrundung zum Angewöhnen ging es ab über den Cerro de la Muerte bis auf 3‘400 Meter über Meer, dem höchsten Punkt der Panamericana in Zentralamerika, 90 km hoch, dann 40 runter.
Danach hotterten wir der Pazifikküste entlang auf übelster Strasse mit Wasserlöchern und Schlammabschnitten. Eines der Highlights war der Besuch im kleinen Nationalpark Manuel Antonio bei Quepos. Wunderschöne Beaches und schöne Trails im Regenwald. Die Reise führte uns dann weiter nördlich, weg von der Küste, über Canas nach Liberia. Dort gefiel es uns sehr gut. Das Klima war angenehmer wegen den Winden und die Dörfchen waren herzig und ruhig.
Drei Nächte verbrachten wir dann im Parque Nacional Rincón de la Vieja bei Liberia. Wir badeten in Thermalwasser, das direkt aus dem Berg fliesst, und wanderten im Park umher. Unglaublich, was wir in den beiden Nationalparks alles an Lebewesen antrafen: Affen, Leguane, Quetztale (wunderschön farbige Vögel, die männlichen Tiere mit mega langem farbigem Schwanz), Faultiere, Krokodile, ein Gürteltier, ein Ameisenbär, kleine Papageien und Tucane sowie Hasen, Kröten, unzählige Insekten und sogar eine Korallengiftschlange, die vor uns den Weg kreuzen wollte, und mindestens so erschrak wie wir. Sie war rot, schwarz und gelb geringelt und stellte sofort den Kopf auf.
Etwas mühsamer waren im Rincón de la Vieja die Sandflies, die es dort milliardenfach gibt. Wir mussten uns zeitweise die Regenjacken überstreifen, die Kapuze montieren und überall noch eine Extraportion Mückenschutzmittel auftragen, wo noch Haut hervorlugte.
Der Rückweg führte uns über Tilaran zum Arenalsee mit dem perfekt geformten Konus des Vulkans Arenal und danach nach Fortuna, wo man den Vulkan rauchen sieht und röhren hört.
Die Schlussetappe zurück nach Heredia hatte es in sich. Die Distanz von "nur" 75 Kilometern machte uns keinen Eindruck, als wir die Etappe anhand der Karte planten- Doch schon frühmorgens, als die paar flachen Einfahrkilometer nach San Miguel über eine Dreckstrasse führten, schwante uns Böses. Der Aufstieg am Vulkan Poas vorbei war zum Glück dann asphaltiert, aber so etwas Steiles haben wir noch nie erlebt.
Silvia musste trotz ihrer 24 x 32 Untersetzung im Zickzack den Berg hochkämpfen und Michi ging auch nur knapp am Hitzschlag vorbei.
Seit gestern heisst es für uns anstatt pura vida nur noch pura subida, Costa Rica.
Alles in allem hat es uns auch hier sehr gut gefallen. Die Leute sind überaus freundlich, und wir wurden oft aus den Autos heraus spontan angespornt. Der Verkehr hält sich abgesehen von der Region um San Jose in Grenzen. Die Verkehrsteilnehmer sind sich Velofahrer viel eher gewöhnt als noch in Mexiko und haben sich fair verhalten.
Wir freuen uns nun riesig auf Südamerika und werden heute noch versuchen, Tickets nach La Paz, Boliven zu bekommen. Dort erwartet uns das Altiplano mit Höhen um die 4‘000 Meter, Lamas und die allseits beliebten Kokablätter. Mampf.
La Paz (Bolivien) 24.6.1998
Puh! Was für eine Reise! Wir sind total happy, müssen wir nun doch für lange Zeit keinen Flug mehr buchen, keinen Karton und keine Schnur mehr auftreiben, um die Velos vor den Gepäckschleifern-und -werfern in den Flughäfen zu schützen. Diese Dinge werden zur absoluten Nervenprobe, wenn zum Beispiel alle anwesenden Personen im Reisebüro keine Ahnung haben, wie man jetzt schon wieder eine Flugreservation am Computer macht, oder wenn wir uns, um Schnur aufzutreiben, die Füsse wund laufen und dann mit Wäscheleine in Metereinheiten Vorlieb nehmen müssen.
Ja, und dann war da noch diese Story mit dem Piloten, der bei der Anfahrt zum Flughafen Lima mit dem Auto einen Unfall baute und sich den Kopf verletzte, so dass unser Flug morgens um 4 Uhr endgültig storniert war, nachdem derselbe zuerst um mehrere Stunden verschoben wurde. Wenigstens karrte man uns dann um 6 Uhr morgens nach Miraflores, wo wir die Nacht in einem 4**** Hotel verbringen durften. Dreiminütiges Telefongespräch und alle Mahlzeiten inklusive.
Und dann hat’s zum Glück am nächsten Tag geklappt, und sogar die Velos und die zwei Säcke, die wir über Nacht am Flughafen liessen, haben den Weg zum Flugzeug nach La Paz gefunden. Heute Morgen wurden wir dann im Anflug auf La Paz mit einem spektakulären Panorama der Stadt, den umliegenden Schneebergen sowie Aussicht bis zum Lago Titicaca belohnt. Der pure Wahnsinn! Einmalig!
Wir sind überglücklich, dass wir hier sind. Wir werden uns jetzt gut akklimatisieren, bevor wir wieder auf unsere Bikes steigen. Es hat uns fast umgehauen, von Lima auf Meereshöhe direkt nach La Paz auf 3’600 Meter zu fliegen und dann sofort wieder Velos und Gepäck Treppen hinauf und hinunter zu schleppen.
Hoffentlich zeigt der Konsum von reichlich Cocablättern bald Wirkung
Tupiza (Bolivien) 27.7.1998
Wir sind in Tupiza nahe der argentinischen Grenze und haben endlich wieder einmal einen funktionstüchtigen Compi gefunden, mit dem man sogar interneten kann (ist nicht selbstverständlich hier in der Pampa).
Nun der Reihe nach: Wir haben uns nach unserer Ankunft in La Paz mit ausgiebig Fussball und einigen kleineren Wanderungen in und um La Paz während fast zwei Wochen akklimatisiert. Wir haben weitere Schweizer Touris getroffen und wieder mal richtig gejasst und uns allabendlich zum Schlemmen im Vegi-Resti Gloria getroffen.
Wieder auf dem Velo war’s echt hart. Wir mussten gleich zu Beginn die 400 Höhenmeter nach EI Alto auf das Altiplano hinauf bewältigen, da La Paz in einem Kessel liegt. Schnauf, pust. Wir fuhren dann nach Süden Richtung Oruro auf super asphaltierter Strasse mit Velostreifen und sehr wenig Verkehr. Zudem half der Wind von hinten kräftig mit, so dass wir Spitzengeschwindigkeiten von bis zu 35 km/h erreichten. Endlich konnten wir vorne wieder mal die grosse Scheibe auflegen. Ein super Gefühl.
Spätestens in unseren ersten Nächten irgendwo im Zelt bei -15 Grad und eisigem Wind wussten wir unsere Ausrüstung und insbesondere die warmen Daunenschlafsäcke zu schätzen. Morgens erwachten wir im von unserem Kondenswasser eingefrorenen Innenzelt und mussten mit dem Aufstehen warten, bis die Sonne voll am Himmel stand, da es sonst einfach zu kalt war. Dann hiess es Aussenzelt zum Trocknen über eine Mauer hängen, Schlafsäcke raus, Mate de Coca und warmen Haferbrei zubereiten und so gegen 9 Uhr in die Velokleider schlüpfen, Zelt abbrechen, Geschirr abwaschen usw. Hey, und das sollen Ferien sein?
Vor allem da dann das Tagespensum noch nicht bewältigt, das Wasser noch nicht gefiltert, die Zwischenverpflegung noch nicht vorbereitet, die Ketten noch nicht geschmiert und noch kein Zeltplatz für die Nacht gefunden war. Ja, und nach Oruro ging's dann erst richtig los. Für die 200 km nach Uyuni brauchten wir ganze 4 Tage. Die Strassen wurden schlechter und schlechter. Geröllmässige Abschnitte wechselten sich ab mit Sandstücken und wellblechmässigen Fully-Teststrecken. Es war aber zum Glück immer noch knapp fahr- bzw. slidebar. Man musste sich den ganzen Tag über voll konzentrieren, und wenn wir abends 50 km geschafft hatten, waren wir überglücklich. Das sind dann gerade mal 10km pro Stunde, wie die rechnerisch Begabten unter euch sicher bereits ausgerechnet haben.
Zum Glück sind wir materialmässig gut ausgerüstet und die neuen Pneus haben sich bestens bewährt. Nur die Lowrider sind wohl eher für europäische Asphaltstrassen denn für bolivianische Schüttelpisten konzipiert worden. Silvias Teil brach bei einer Lötstelle und beide sind unter der Last der vorderen Taschen eingeknickt. Wir schafften es dann trotzdem bis nach Uyuni, und brachten mit Hilfe des hiesigen Schweissers einige Modifikationen an.
Uyuni war für uns wie das Paradies auf Erden. Es ist zwar ein kaltes Kaff am Arsch der Welt, aber für uns ausgemergelte, verstaubte Velofahrer grossartig. Es gab alles zu kaufen und wir haben uns auch sogleich eine Pizza reingehauen - mmmmh. Wir buchten dann eine 4 tägige Jeep-Tour zum Salzsee von Uyuni und zu diversen, dank Mineralien und Mikroorganismen, gefärbten Lagunen. Es war leider so ein bisschen Camel-Trophy-mässig, voll touristisch und immer ungefähr 5 andere Jeeps mit jeweils 6 Touris auf genau der gleichen Tour, um immer dieselben Sehenswürdigkeiten zu bewundern. Doch alles in allem war die Tour super. Wir fuhren bis an die chilenische Grenze und zurück. Für uns waren es aber vor allem Ferien. 4 Tage Auto fahren, das Essen serviert, die Unterkünfte organisiert, toll.
Gut erholt und aufgepäppelt starteten wir dann zu neuen Abenteuern Richtung Südosten über Atocha nach Tupiza. Zu den schlechten Strassen kamen nun auch noch saftige Steigungen dazu, die uns arg zu schaffen machten. Wir wurden dafür mit genialen Landschaften und Ausblicken sowie der absoluten Ruhe belohnt. Im Schnitt begegneten uns 2 Fahrzeuge am Tag. Ausserdem hatten wir spannende Gespräche mit Campesinos, die uns über den Exodus der Bevölkerung aus ihren Pueblos erzählten, von den Strapazen, in dieser Höhe mit ausbleibendem Wasser zu überleben, und die uns zu einer Quinoasuppe einluden.
Nach weiteren 4 Tagen seit Uyuni sind wir in Tupiza auf 2900 Meter und geniessen das wärmere Klima. Wir wollen nun weiter nach Tarija, das auf 1900 Meter - nahe bei Argentinien - liegt. Von dort geht's wieder in die Höhe nach Potosi, das durch seinen mineralhaltigen Berg Cerro Rico zu Wohlstand und Berühmtheit gelangt ist. Wir wollen die Minen besuchen und den Mineuren bei der Arbeit zusehen. Als krönenden Abschluss haben wir noch die 160km Asphaltstrasse nach Sucre auf dem Programm. Von dort werden wir wohl mit dem Bus nach La Paz zurückfahren und nach einem Generalservice an Mensch und Maschine nach Peru an den Titicacasee weiterpedalen.
Cusco (Peru) 11.9.1998
Wie die Zeit doch läuft! Seit der Abfahrt in LaPaz haben wir schon wieder einiges erlebt. Nun sind wir in Cusco, geniessen die gute Infrastruktur, die wegen der vielen Touris existiert. Hunderte von Internetcafés, Bars, Tanzschuppen sowie jenschte Travel Agencies buhlen um Kunden. Alles ist möglich hier: River-Rrafting, Canyoning, Inca-Trail, MTB-Touren etc..
Die Strecke La Paz - Cusco meisterten wir in sage und schreibe 6 Tagen. Nach der harten Arbeit in Bolivien wurden wir mit breiten, asphaltierten und verkehrsarmen Pisten verwöhnt. Und wie schön war der Ausblick auf den grossen, tiefblauen Titicacasee! Wir fuhren über Copacabana zur peruanischen Grenze, dann dem Ufer entlang über Puno, Juliaca, Sicuani bis nach Cusco! Die Berge waren sanft, die Steigungen waren kaum zu spüren, nur der Wind......na, aus welcher Richtung kam der wohl?
Nach der Ankunft wurden natürlich die leeren Tanks aufgefüllt. Wie gut, in Cusco gibt es sogar eine super Govinda (Krishnas), wo wir nun zu den Stammkunden zählen. Im Hotel trafen wir Thomas, einen Schweizer, mit dem wir dann den 3.5- tägigen Inca-Trail machten. Zuerst mit dem lokalen Zug bis Km 82 und dann zu Fuss weiter.
Wir beschlossen, den Trail ohne organisierte Gruppe zu laufen, deshalb mussten wir unsere Ausrüstung selbst schleppen. Jede/r hatte einen recht schweren Rucksack mit Zelt, Schlafsack, Mätteli und natürlich reichlich Food zu tragen. Das mit dem Km 82 klappte dann nicht so recht. Der Zug hielt gar nicht an, rollte nur langsam weiter, und zum Ausgang über Sack und Pack, Kind und Huhn der Einheimischen zu gelangen, war unmöglich! So starteten wir dann bei Km 88 und begannen den ersten Aufstieg. Kurz vor dem ersten Pass schlugen wir unser Lager auf, kochten einen feinen Znacht und erholten uns. Das Wetter meinte es nicht gut mit uns. Trotz Trockenzeit begann es während der Nacht zu regnen und es hörte auch am nächsten Morgen nicht auf, nein, es wurde noch schlimmer! Wir packten unsere völlig durchnässten und verdreckten Zelte zusammen und liefen los.
Nach 2 Stunden Dauerregen waren wir schlussendlich bis auf die Unterhose durchnässt. So beschlossen wir durchzulaufen, bis zum Hostal, wo man gegen Entgelt auf dem Fussboden schlafen kann aber wenigstens ein Dach über dem Kopf hat. Das bedeutete aber auch, einen Tag gutzumachen. Anstatt 3.5 Tage nur 2.5 Tage! Wir bewältigten die 3 Pässe, 4200m, 3800m und 3600m, und erreichten das Hostal nach 7.5 Stunden mit zitternden Knien und müden Beinen. Wenigstens mussten wir so nicht mehr im nassen Zelt schlafen und auch nicht mehr frieren!
Der Tag darauf, an dem wir dann Machu Picchu erreichten, machte die Strapazen des Vortages vergessen. Das Wetter war super! Sonnenschein, blauer Himmel, die Ruinen zeigten sich von der schönsten Seite! Natürlich bestiegen wir Spinner danach auch noch den Berg Wayna Picchu gegenüber, von dem man die ganze Ruinen-Stadt überblicken konnte.
Als dann die vielen Touristenbusse im Tal einrollten, nahmen wir den Abstieg nach Aguascalientes in Angriff. Wir wollten hier noch eine Nacht bleiben, um in den heissen Quellen unsere müden Glieder zu baden.
Trotz Regen und Kälte hat es uns sehr gut gefallen. Wir haben uns schon wieder recht gut erholt bis auf die Beine. Einen derartigen Muskelkater hat keiner von uns beiden bisher jemals erlebt, brutal! Eine ganze Woche plagten uns die überstrapazierten Beine. Aber wir waren nicht die einzigen, die mit steifem Gang und schmerzverzerrtem Gesicht durch die Gassen von Cusco schlichen.
In den nächsten Tagen werden wir per Bus über Lima nach Huaraz weiterreisen, um dort wieder einige Wanderungen zu machen. Dann geht’s mit den Velos der peruanischen Küste entlang nordwärts Richtung Ecuador, wo wir Anfang Oktober Silvias Schwester in Quito erwarten.
Quito (Ecuador) 9.10.1998
Wir sind in Quito, Ecuador. Die Behörden riefen vor wenigen Tagen alerta amarilla aus (Alarmstufe gelb). Diese bezieht sich auf Quitos Hausvulkan „Pichincha“, der sich wieder regt und auszubrechen droht. Die Seismologen stellten einige Explosionen im Krater fest und Experten installierten daraufhin noch zusätzliche Geräte, um eine genauere Lagebeurteilung vornehmen zu können. Auf jeden Fall werden wir durch das Radio und die Zeitungen gut informiert, was im Falle eines Ausbruchs zu tun ist. Auf der Strasse werden überall Staubschutzmasken und Schutzbrillen angeboten. Erstaunlich ist aber, dass hier in der Stadt überhaupt keine Panik oder Hektik auszumachen ist. Das Leben verläuft normal und die Leute gehen ihren Tätigkeiten nach, obwohl der Pichincha raucht und grollt.
Aber der Reihe nach ab Cusco: Von dort aus ging es in einer zweitägigen Busfahrt über Arequipa und Lima nach Huaraz. Huaraz und die Cordillera Blanca mit ihren bis zu 6700 Meter hohen Schneebergen wird auch die Schweiz von Peru genannt. Die Ortschaft selbst hat uns nicht umgehauen, alles ist irgendwie recht lieblos. Dies wohl deshalb, weil das ganze Dörfchen bei einem Erdbeben vor ca. 30 Jahren völlig zerstört und danach nur noch zweckmässig aufgebaut wurde.
Die Aussichten auf die Schneeriesen sind jedoch überwältigend, vor allem wenn der Himmel einmal nicht zuzieht nachmittags. Wir sehnten uns nach einer Mountainbike-Tour mit Fullys auf einem der so zahlreichen geilen Trails in der Umgebung, doch alles, was wir auftreiben konnten, waren Trek 850 mit Rock Shox Quadra und Alivio. Trotzdem war es ein toller Ausflug und die Trails hielten, was sie versprachen. Eigentlich hatten wir dann noch einen mehrtägigen Trek geplant, doch es kam anders. Wir hatten auf einmal null Bock auf hiken und so schnappten wir halt einfach wieder unsere Velos und fuhren los. Die Fahrt führte uns durch den Canyon del Pato, eine enge Schlucht mit ca. 40 Tunnels. Wow! Die Tunnels waren unbeleuchtet, und wenn diese eine gewisse Länge erreichten, sah man überhaupt nichts und verkrampfte in Erwartung des nächsten Schlaglochs.
Zum Glück hatten wir von unseren Bikerfreunden Sebastian und Lieneke sehr gute Infos erhalten, wie man auf eine private, bessere Strasse ausweichen konnte, um nicht die extrem schlechte Strasse nach Chimbote nehmen zu müssen.
Völlig überrascht vom recht frischen Klima, erreichten wir Trujillo, eine Oase an der Küste. Dort lebt der nette Mann für aller Bike-Traveler: Lucho Ramirez d'Angelo. Er ist jetzt sogar im neuesten South American Handbook erwähnt, und alle Biker können bei ihm wohnen. Es kann auch schon mal vorkommen, dass es am Ende 18 Biker auf einmal sind. Sein Gästebuch ist sehr spannend zu lesen. Was da alles für Freaks unterwegs sind. Doch der absolute Oberfreak ist wohl „Yak“ Claude Marthaler, ein Welschschweizer, der seit vier Jahren unterwegs ist und bereits 77'000 km abgestrampelt hat und inzwischen unterwegs auf seinem dritten Velo.
Weiter führte uns die Reise über Chiclayo und Piura an die ecuadorianische Grenze nach Macara. Zwischen Chiclayo und Piura pulverisierten wir unseren Tagesrekord. Eigentlich waren wir auf eine Übernachtung in der Sechura-Wüste eingerichtet, doch wir hatten extremen Rückenwind und spulten die 217 km in 8.5 Stunden ab. Das war ein grossartiges Gefühl, nach all dem Gegenwind im Hochland.
Peru hat uns allgemein sehr gut gefallen. Obwohl wir so viele Male vor "mala gente" gewarnt wurden, erlebten wir nichts Böses. Die Peruaner sind viel spontaner als die Hochlandbolivianer, hupen wie blöd, wenn sie einen überholen, rufen Gringo, Gringo, sind sehr neugierig und wollen alles ganz genau wissen. Der Lebensstandard ist höher und die Leute weniger traditionalistisch. Nur einmal waren wir wirklich überrascht, als Silvia in Piura nicht mit kurzen Hosen ins Internetcafé eingelassen wurde. Das ist doch keine Kirche! Zu allem Übel sagte uns der Typ im oberen Stock, dass die Linie seit einer Woche tot und internetten nicht möglich sei - natürlich erst nach dem Hosenwechsel im Hostal!
Und dann endlich die Zollbrücke nach Ecuador. Wie hatten wir uns doch auf diesen Moment gefreut! Nach der flachen Küste folgten nun die Berge. Es war ein ewiges Auf und Ab. Wir wurden wieder richtig gefordert. Entschädigt wurden wir jedoch von der sehr grünen und spektakulären Landschaft. Vor allem Reis und Zuckerrohr, aber auch Mais und Gemüse wird dort angepflanzt. Nach 4 harten Tagen erreichten wir Vilcabamba, ein kleines Kaff südlich von Loja auf 1500 Meter. Wir liessen uns im Madre Tierra nieder, einem wunderschönen Hotel mit diversen Cabanas, Pool, Vegi-Food, diversen Wellness-Angeboten, in traumhafter Landschaft gelegen.
Endlich relaxten wir wieder mal richtig und verwöhnten unsere Körper mit Massagen, Dampfbad und Whirlpool. Michi machte sogar eine Darmreinigung mit Einläufen. Wir hatten viele gute Gespräche mit andern Touris und merkten einmal mehr, was für ein Privileg es ist, mit den Fahrrädern unterwegs zu sein. Wir denken, wir haben das richtige Transportmittel für diese Reise ausgewählt.
Die letzte Bike-Etappe führte uns zurück nach Loja, wo wir schweren Herzens den Bus nach Quito bestiegen. Viel lieber hätten wir diese Strecke mit den Velos gemeistert, doch es fehlte uns die Zeit, da doch Moni im Anflug war. Morgen Samstag holen wir sie am Flughafen ab und es wird für uns wohl so was wie vorgezogene Weihnachten. Auf unserer Wunschliste stehen: Läckerli, Schoggi, Gruyere, Velohosen, Ersatzteile, Bike-Heftli, und viele andere tolle Sachen. Hoffentlich hatte Moni keine Probleme mit Übergepäck. Nach Lust und Laune planen wir nun einen Dschungeltreck, Badeferien, Marktbesuche. Es werden sicher 2-3 tolle, velofreie Wochen mit Moni. Die Pause ist vor allem für Michis bakteriengeplagten Körper sehr wichtig, und auch die Knie haben sich in den Bergetappen schmerzhaft gemeldet.
Quito (Ecuador) 26.10.1998
Hier nun unsere Erlebnisse der letzten 2 Wochen mit Monika: Wir sind zurück in Quito von einem ersten Trip durch Ecuador. Wir waschen, erledigen Korrespondenz und überlegen uns, was wir weiter machen möchten. Es ist recht kalt geworden und anscheinend hat es täglich geregnet, seit wir losgezogen sind. Auch heute regnet es draussen. Das stört uns jedoch nicht, da wir eh nur im warmen Internet-Cafe rumhängen und töggeled.
Nach einer fünfstündigen Busfahrt stiegen wir in Banos aus. Das ist ein herziges Käffchen zwischen Sierra (Hochland) und dem Oriente (Dschungel). Es liegt in einem recht engen Tal, alles ist wunderschön grün, zahlreiche Wasserfälle stürzen in die Tiefe, und es gibt wunderschöne Wanderwege mit spektakulären Ausblicken. Das Klima war frühlingshaft und es hatte weder Mücken noch Sandflies.
Danach drangen wir Stück für Stück tiefer in den Dschungel vor. Einen Zwischenstopp legten wir noch in Tena ein. Dort gab es einen lässigen Fluss, an dem wir einen ganzen Tag verbrachten. Man konnte den Fluss entlang hochlaufen und sich danach in die Strömung werfen und hinunterfetzen oder sich vom Ufer aus an Lianen tarzanmässig in den Fluss schwingen. Wir hatten total den Plausch!
Die zweite Nacht in Tena wurde dann allerdings ein wenig zum Horror für uns alle, weil uns im Schlaf Riesenkakerlaken über Arme und Beine krochen oder uns durch ihre Geräusche aufschreckten. Michi musste sicher vier Mal mit seinen Tevas bewaffnet ausrücken, um die Biester zu erschlagen. Am Morgen glich unser Zimmer dann einem Schlachtfeld.
Weiter fuhren wir dann nach Lago Agrio, einem Ölkaff nahe der kolumbianischen Grenze. Eigentlich wollte Michi die Mädels überzeugen, auf eigene Faust per Bus nach Chiritza und dann per Motorkanu nach San Pablo zu reisen, um dort bei den Sicoya-Indianern einen Führer zu suchen und mit ihm tiefer in den Regenwald einzudringen. Er wollte halt voll auf Abenteuer machen und diese organisierten Touren meiden.
Monika und Silvia überzeugten ihn aber, dass es vielleicht doch nicht so klug wäre, so ganz ohne Gummistiefel und Regenponcho loszuziehen. So schlossen wir uns dann doch einer Gruppe an, in der alle schon in Quito die Tour gebucht hatten und mit dem Flugzeug hergereist waren.
Trotz Michis Skepsis hatten wir dann total den Plausch zusammen. Die Reise führte wie beschrieben mit Kanus den Rio Aguarico hinunter, dann den Rio Cuyabeno hoch und dann in den Cuyabeno-Nationalpark. Dieser Nationalpark ist wohl das letzte Flecklein Primärurwald in Ecuador. Leider ist viel Regenwald durch landlose Bauern und vor allem durch die petrochemische Industrie zerstört worden. Viele Strassen wurden nur gebaut, um den Erdölmultis das Verlegen ihrer Pipelines zu ermöglichen. Der "impacto petrolero", wie die Ecuadorianer sagen, ist riesig.
Im Park machten wir mehrere Wanderungen mit einem indianischen Führer, der uns viele Medizinpflanzen zeigte und uns über deren Anwendung aufklärte. Ab und zu stiessen wir sogar auf Fussspuren eines Tapirs oder eines Gürteltiers.
Morgens fuhren wir mit dem Kanu los, um Vögel zu beobachten. Abends machten wir uns auf, Kaimane zu suchen, die meistens am Flussufer schwimmen und sich durch die Lichtreflexion ihrer Augen verraten.
Leider ist es hier in Ecuador sehr schwierig, grössere Tiere zu sehen, vor allem wenn man mit Gruppen von bis zu 12 Leuten durch den Dschungel stampft. Doch auch die vielen Schmetterlinge, die überdimensionalen Insekten oder die vielen verschiedenen Vögel sind eindrücklich.
Gleich unter unserer Behausung, die auf Holzpfeilern stand, hatte sich sogar eine Vogelspinne eine Höhle gebaut, so dass wir diese aus wenigen Zentimetern Entfernung betrachten konnten.
Nun planen wir dann einen Abstecher per Zug an die Küste. Uns geht es allen sehr gut und wir harmonieren gut zu dritt. Michis Magen geht es auch viel besser und das ist gut so.
Quito (Ecuador) 23.11.1998
Bald schon heisst es Abschied nehmen von Monika. Eigentlich planten wir höchstens 2-3 Wochen gemeinsam zu verbringen, doch wir hatten es so gut zusammen, dass es schliesslich fast 7 Wochen wurden.
Die letzten News hier aus Quito: Die Internet-Cafés schiessen wie die Pilze aus dem Boden. In unserem Favoriten kann man während dem Töggelä gleich noch die Waschmaschine laufen lassen. Zum Einscannen von Fotos haben wir andere Connections. Jeden Tag entdecken wir neue Auswüchse der modernen Kommunikationstechnik.
Ausserhalb von Quito braucht es jedoch starke Nerven und viel Geld und Zeit. Die Währungsturbulenzen hier bzw. der extreme Verfall des ecuadorianischen Sucres gegenüber dem Dollar konnten mit dem Friedensvertrag zwischen Ecuador und Peru eingedämmt werden. Als wir in Ecuador zum ersten Mal wechselten, bekamen wir 6100 Sucres für 1 US Dollar. Innerhalb von zwei Wochen stieg der Dollar dann auf fast 6800 Sucres. Die Leute begannen, die fix auf den Artikeln aufgedruckten Preise zu überkleben Jetzt ist der Dollar gerade mal 6240 Sucres wert nach einem Tiefststand von 6040. Der Tag, an dem der Friedensvertrag unterzeichnet wurde, war ein Festtag. Die Schüler hatten schulfrei und steckten den Passanten auf den Strassen weisse Bändchen an. Wir freuten uns mit und wurden ebenfalls bestückt. Das grosse Problem sind nun noch die Personenminen, die das Grenzgebiet verseuchen, und die beiden Länder müssen versuchen eine Vertrauensbasis aufzubauen.
Also, wir sind wieder einmal in Quito und Monika verlässt uns am Mittwochmorgen. Ihre Rucksäcke drohen aus allen Nähten zu platzen, und sie hofft, nicht allzuviel Übergewicht bezahlen zu müssen. Der Markt in Otavalo hat noch einmal richtig eingeschenkt. Wir werden sie auf jeden Fall zum Flughafen begleiten, da die vielen Gepäckstücke für sie allein nicht zu bewältigen sind. Die Arme muss natürlich auch noch unsere ganze Winterausrüstung und einiges von unserer Artesania heimschleppen.
Hier noch die Erlebnisse der vergangenen Wochen: Von Quito aus zog es uns nordwärts über Cayambe nach Ibarra. Juhui, die Züge fuhren tatsächlich. Wir wollten mit dem sogenannten Autoferro, einem umgebauten Bus auf Schienen, nach San Lorenzo in die schwarze Provinz von Esmeraldas. Die Fahrt wurde zur Gaudi. Wir setzten uns zusammen mit anderen Wagemutigen aufs Dach und hatten so eine gute Sicht. Das war insofern sehr wichtig, da doch einiges an Grünzeug und überdimensionalen Insekten auf uns zukam. Unser französischer Mitstreiter hatte dann irgendwann den Verlust seines Filzhutes zu beklagen.
Je tiefer wir kamen, desto feuchter wurde es. Plötzlich waren wir von dunkelhäutigen Menschen umgeben. Wir fühlten uns wie in Afrika und es war gut so. Über Esmeraldas ging es dann weiter nach Atacames an den Strand. Die Bungalowanlage, die Michi empfahl, war nicht wiederzuerkennen und wurde durch einen Swimmingpool und Appartements aufgemotzt. Trotzdem wurden wir handelseinig und blieben 4 Tage.
Michis Geburtstag begossen wir an einer Strandbar, die für uns die Happy Hour vorverlegte. Die Drinks hatten es in sich. Nächste Station war Puerto Lopez, das südlicher an der Küste liegt. Von hier aus fuhren die Touris, weil sie sich Galapagos nicht leisten können, und auch wir, zur Isla de la Plata. Dort hatten es uns vor allem die lustigen Blaufuss-Tölpler angetan. Je blauer die Füsse desto älter der Vogel. Die Rückfahrt von der Insel wurde dank dem hohen Seegang deftig. Doch wir bissen auf die Zähne und überlebten knapp.
Auf dem Weg von Puerto Lopez über Jipijapa nach Guayaquil wurden uns die Folgen von El Niño nochmals so richtig vor Augen geführt: Die Busse brauchten durch die vielen Schlaglöcher und wegen der vielen weggerissenen Brücken sicher 1 Stunde länger nach Guayaquil als normal. Wir waren froh, dass wir dort nicht bleiben mussten und nahmen den nächsten Bus nach Cuenca. Cuenca hat uns allen sehr gut gefallen. Man könnte sich sogar vorstellen, dort eines dieser netten Häuschen am grünen Stadtrand zu bewohnen. Der ganze Ort strahlte eine besondere Atmosphäre aus, und der Markt mit all seinen Früchten und Frauchen war wunderschön.
Danach waren wir jedoch bereits wieder reif für Vilcabamba. Das Hostal Madre Tierra mussten wir doch Monika unbedingt zeigen. Wir schlemmten das feine Vegifood, machten Erdbäder und stiegen auf Berge und Pferde.
Vom Süden Ecuadors fuhren wir dann zum zweiten Mal nach Baños. Der 5014 Meter hohe Tungurahua und die feinen Pancakes waren ein Grund. Doch auch die Heilbäder waren super, vor allem auch, um lästige Flöhe loszuwerden und um die verkrampften Muskeln zu lockern.
Leider war Monikas Pizza am Vorabend der Vulkanbesteigung ungut. Monika kotzte die ganze Nacht sowie kurz vor Abmarsch in Baños und war deshalb geschwächt. Da es auch am nächsten Morgen nicht besser wurde, musste sie leider im Refugio auf 3800 Meter bleiben. Wir kämpften uns bis zum Gipfel hoch. Es war ausserordentlich hart, weil dieser Berg extrem steil ist, und der Pfad durch den vielen Regen matschig und tief wurde. Am frühen Morgen im Aufstieg zum Gipfel kämpften wir dann mit losem Sand und gefrorenem Boden und mussten deshalb die Steigeisen früh montieren. Oben wurden wir dann mit einem kurzen Ausblick auf die beiden supergenialen Vulkane Cotopaxi und Chimborazo belohnt.
Jetzt gehen wir ins Hotel, packen unsere Velos und ab geht’s nach Colombia. Wir freuen uns!
Irgendwo vor Manizales (Kolumbien) 15.12.1998
Fast km 10’000
Wir sind in Kolumbien.
Aber zuerst noch mal der Blick zurück nach Ecuador: den Cotopaxi haben wir dann schliesslich doch nicht bestiegen, da uns der Preis von 120 US-Dollar für 2 Tage abschreckte und uns ausserdem das Velofieber wieder voll gepackt hatte. Schweren Herzens trennten wir uns von unserem Wönigli mit Küche, WC, TV in Quito und fuhren über Cayambe, Ibarra, Bolivar nach Tulcan an die kolumbianische Grenze. Das Wetter war einfach grandios. Jeden Tag Sonnenschein und super Fernsicht auf die Schneeriesen, als würde sich Ecuador für unseren ausgedehnten Besuch bedanken.
Michi musste sich erneut Sonnencreme mit Sonnenschutzfaktor 45 organisieren, da die Daylong für seinen Hauttyp nicht ausreichte. Und dann hatten wir uns zum letzten Mal um Grenzformalitäten und Währungsumstellung zu kümmern.
Wir konnten unsere ecuadorianischen Sucres in kolumbianische Pesos umtauschen. Wie auch im Norden von Ecuador war es bis nach Popayan extrem hügelig, ein ständiges Auf- und Ab. In den steilen Aufstiegen merkten wir die fast zweimonatige Pause vom Velofahren. Landschaftlich hat uns die Strecke von Ipiales (Grenzstadt) bis nach Popayan überwältigt. Alles ist wunderschön grün, Wasser überall und die Erde sehr fruchtbar. Die Leute begrüssten uns mit in die Höhe gestreckten Daumen, zurufen und hupen. Noch in keinem anderen Land wurden wir so oft von wildfremden Leuten zu einem refresco (Softdrink) eingeladen.
Doch Kolumbien wäre nicht Kolumbien, wenn uns in Popayan nicht Michis Regen- und Windjacke geradezu spektakulär gestohlen worden wäre. Gegen 1 Uhr nachts schreckten wir beide aus dem Schlaf auf, als der Gauner mit etlichem Geräusch die Jacke mitsamt Kleiderbügel durch die Gitterstäbe unseres Fensters würgte. Durch das Fenster sahen wir den jugendlichen Übeltäter davonrennen. Michis Verfolgungsjagd wurde jedoch bereits durch die verschlossene Hoteltür jäh gebremst. Es ist schon unglaublich, mit welcher Cleverness die Diebe hier vorgehen. Dieser Junge muss wohl über eine Art Fischerrute verfügt haben, um sich die Jacke zu angeln. Seitdem schlafen wir auf jeden Fall nur noch selten mit offenen Fenstern.
Die letzten zwei Tage fuhren wir durchs Cauca Valley, das sich von Santander bis fast nach Pereira erstreckt. Auch hier ist es extrem fruchtbar. Es wird vor allem Zuckerrohr, aber auch Soja und Mais angepflanzt. Immer wieder trafen wir auf künstliche Lagunen, die zum Baden und (Sport-)fischen einluden. Aber es war heiss hier. Puh, manchmal sehnten wir uns nach den kühlen Temperaturen in der Schweiz. Nein, nein, so schlimm war es nicht. Wir mussten einfach morgens früh los, um die allerschlimmste Hitze zu vermeiden.
Morgen geht es wieder etwas in die Höhe nach Manizales auf 2100 Meter, ins Zentrum des kolumbianischen Kaffeeanbaus. Dann wollen wir weiter nach Medellin, wo wir Weihnachten verbringen werden. Feiern werden wir hier wohl nicht, da uns diese Umgebung einfach nicht in Weihnachtsstimmung versetzen kann. Uns bleiben jetzt noch 1.5 Monate, die wir noch einmal so richtig geniessen wollen.
Morgen ist es soweit. Wir werden unseren 10‘000 Kilometer auf dem Velo feiern. Prost.
Medellin (Kolumbien) 22.12.1998
Wir sind in Medellin.
Wir haben herrliches Wetter und die Leute sind auf dem Weihnachts(einkaufs)trip. Es wimmelt von Menschen. Von Manizales aus zogen wir durch grüne Hügel und Berge, teils auf Schotterstrassen, nach Medellin los. Auf- und ab und sehr anstrengend. Trotzdem hat sich der Mehraufwand gelohnt. Entschädigt wurden wir durch atemberaubende Landschaft, wenig Verkehr und eine saubere, russfreie Luft. Tja, manchmal fragen wir uns wirklich, ob das nun noch gesund war, was wir da so alles einatmeten, während diesen Tagen auf der Panamericana. Kurz vor Chinchina gerieten wir noch in eine Strassenblockade von wütenden Anwohnern. Sie protestierten gegen weitere Strassengebühren auf dem Weg nach Manizales.
Die Leute schütteten riesige Erdhügel auf der Strasse auf, so dass für Autos und Busse kein Durchkommen war. Sie liessen uns dann aber ohne Probleme unsere Velos über die Erdhaufen schleppen und weiterfahren.
Was uns aber in den letzten Tagen am meisten zu schaffen machte, waren wieder mal Flöhe. Doch dieses Mal war es ganz schlimm! Innerhalb von 1.5 Tagen waren wir beide mit mindestens 30 Flohbissen übersäht. Vor allem die Zeit im Kino nutzten die Biester schamlos aus. Sie wagten sich in der Dunkelheit an unsere unbedeckten Arme. In unserem Bett haben wir dann ganze Armeen von diesen hüpfenden und sich nicht zerquetschen lassen wollenden Plagegeister aufgespürt. Es ist einfach Kacke, immer wieder neue Bisse zu entdecken, wenn doch die alten immer noch so fest jucken. Michi hat dann total die Nerven verloren, als er sich nicht nur die Kleider mit dem Antiflohspray aus dem Supermarkt einsprühte, sondern auch noch Achselhöhlen und Oberkörper behandelte. Wenigstens hat sich nun der Mythos vom unsichtbar kleinen Floh verflüchtigt, und wir wissen nun, mit wem genau es wir es zu tun haben und haben Gegenmassnahmen entwickelt.
Gestern kamen wir in Medellin an. Die letzte Etappe führte uns von La Pintada von tief unten auf 42 zum Teil sehr anstrengenden Kilometern nach Alto de la Mina auf ca. 2400 Meter.
42 km Aufstieg? Ja, und das Ganze wirklich ohne nennenswerte Erholungsmöglichkeiten zwischendurch. Wir benötigten fast 5 Stunden zur Passhöhe, wo wir uns einige Arepas und Aguapanelas calientes gönnten. Nun stehen wir vor dem grossen Problem, irgendwie zuviel Zeit und nur noch wenig Kolumbien zum Beradeln zu haben. Denn an die feuchtheisse Küste oder in den Urwald reizt es uns nicht zu pedalen.
Uns haben schon die 2 Tage Cartago fast umgehauen. Nun, wir werden wohl von hier aus per Bus nach Bucaramanga fahren, um uns dort von der anderen Seite her an Bogota heranzumachen. Vielleicht werden wir uns dann die Zeit nehmen, um jede erdenkliche Nebenstrasse zu befahren und so von Kaff zu Kaff zu hottern, denn 6 Wochen für 420km ist viel Zeit.
Herzliche Weihnachtsgrüsse aus dem Land der Renault 4, Renault 12, Renault 9 und all den stinkenden Töffs.
Bogota (Kolumbien) 18.1.1999
Bogota!!!! Wir sind am Ziel!!
Die letzte Etappe hatte es noch einmal in sich. Es war brutal.
Wir fühlten uns meist wie ein Fakir, der über den Scherbenhaufen geht, weil das meiste Glas hier nicht „retornable“ sondern „desechable ist“, landet alles auf der Strasse und überwiegend dort, wo die Fahrräder wohl oder übel fahren müssen. Es zerschnitt uns regelrecht die Reifen und zweimal ging dann auch die Luft aus. Zudem löste sich Michis Freilaufkörper, so dass das Hinterrad beträchtlich Spiel bekam. Dann setzte Silvias Felge noch einen drauf, als ein Teil der Felgenflanke den grossen Belastungen Tribut zollte und sich regelrecht nach aussen bog und somit Bremsen eher stottrig machte. Diese letzte Etappe war nochmal Action pur und wird uns in besonderer Erinnerung bleiben.
In Bogota empfingen uns unsere Freunden Nicole und Leonardo herzlich. Sie überliessen uns sofort ihr erst kürzlich gekauftes und noch leerstehendes Apartamento. So hatten wir wieder unser eigenes Wönigli und schliefen auf den Thermarests und im Schlafsack auf dem Stubenboden. So liess es sich gut leben: warmes Wasser, Kochherd, WC mit richtigem Sitz.
Unsere Flüge bei British Airways waren rückbestätigt und mit Sehnsucht schauten wir den startenden Flugzeugen über der Stadt nach. Bald, bald....
Das Wetter zum Abschluss war sehr angenehm. Morgens schien immer die Sonne und wärmte die kühlen Strassen auf. Dies lud zum Stadtbummel ein. Wegen des wieder stark aufflammenden Bürgerkriegs war die Stimmung manchmal eher mies. Fast täglich berichteten die Medien von irgendwelchen Massakern. Die Guerilla und die paramilitärischen autodefensas bekriegten sich und meistens gingen Zivilisten dabei drauf. Wenigstens waren die Konfliktparteien und die Regierung am 7. Januar in Friedensgespräche eingetreten. Hoffen wir für alle Kolumbianer, dass bald eine Lösung gefunden wird.
Gegen Ende des letzten Jahres war uns noch einmal wirklich bewusst geworden, wie privilegiert wir Westeuropäer doch leben. Wir haben einfach die besseren Ausgangsbedingungen als die allermeisten Leute in Lateinamerika. Es macht sehr nachdenklich, wenn uns die Menschen in einem Kaff nicht einmal die einzige Strasse zum nächsten, 30km entfernt liegenden Ort beschreiben konnten, weil sie noch nie dort waren.
Und wir kommen von einer einjährigen Velotour, die uns durch 8 Länder und über 11’000km führte. Dieses Privileg sollte man einfach nie vergessen!